Ex-Grünen-Chefin Ricarda Lang zur Regierungskrise: „Man kann fast den Angstschweiß riechen“ Berlin – Ricarda Lang war bis November 2024 Grünen-Parteichefin. Heute sitzt sie im Haushaltsausschuss und ist eines der bekanntesten Gesichter der Grünen.
BILD hat sie zum Interview getroffen. BILD: Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit des Bundeskanzlers?
RICARDA LANG: Sehr unzufrieden. In der Generaldebatte, da hat er keinen Plan nach vorn aufgemacht.
Er hat überhaupt nicht gesagt, was er jetzt an seiner Politik ändern will. Ich habe kein Wort der Selbstkritik gehört, geschweige denn eine Vision, wo es hingehen kann mit dem Land.
Das war die Rede eines Oppositionspolitikers, der sich an einer anderen Partei abarbeitet, aber nicht die eines Kanzlers. Sie haben nach Ihrem Rücktritt vom Parteivorsitz gesagt, dass Sie zu einem Sprechroboter geworden waren.
Wie meinten Sie das? Man sitzt in Situationen wie hier, in Interviews, in Talkshows – und währenddessen läuft immer die Schere mit: Was wird daraus rausgezogen, was landet auf Social Media?
Irgendwann entsteht so eine Art übertriebene Vorsicht. Die Angst, einen Fehler zu machen, kann zum größten Fehler werden, wenn wir alle so angstgetrieben sind.
Die Angst vor Umfragen, die Angst vor der AfD, die Angst, Fehler zu machen, sorgt dafür, dass man manchmal Politiker anschaut und fast schon diesen Angstschweiß riechen kann, und wir wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen. Und das führt offensichtlich nicht dazu, dass man dem Land Mut geben kann, geschweige denn Orientierung.
Ricarda Lang (32) im Axel-Springer-Neubau in Berlin
Steckt der Kanzler in derselben Falle? Bei Friedrich Merz kommt noch eine weitere Sache dazu.
Und das ist sein Menschenbild. Aus meiner Sicht muss man als Politiker drei Dinge mitbringen: Man muss sich für die Menschen interessieren, für die man Politik macht.
Man muss die Menschen verstehen. Und man sollte die Menschen mögen, im besten Fall sogar lieben, für die man Politik macht.
Und im Moment – ich hoffe natürlich, dass er es ändert, ich will nicht, dass diese Regierung scheitert –, aber im Moment scheitert Friedrich Merz an allen drei dieser Dinge. Ja.
Ich glaube, dass das ein Problem ist, das über ihn selbst hinausgeht. Wenn wir gerade auf die letzten Wochen schauen, vor der Wahl in Sachsen-Anhalt, dann war die AfD oft der Dreh- und Angelpunkt der politischen Debatte.
Ich bin zutiefst davon überzeugt: Solange das so ist, wird sie gewinnen, wird sie stärker werden. Wir müssen es schaffen, auch in einer Zeit, wo die AfD stark ist, Wahlkämpfe zu führen, die sich nicht nur um sie drehen.
Und ein Teil davon ist bestimmt mehr Angstfreiheit. Die 12‑Stimmen-Mehrheit der schwarz-roten Koalition wackelt immer wieder.
Stünden die Grünen bereit, um auszuhelfen? Wir haben in der Vergangenheit immer wieder gesagt, dass wir zur Zusammenarbeit bereit sind, wenn es die richtigen Reformen sind.
Das ist kein Selbstzweck. Natürlich ist es auch so, dass die Regierung ihre eigene Mehrheit sichern muss.
Was wenig bringen würde, ist, dass wir Aushilfsstimmen geben zu dieser Regierung, womit dann ein Kanzler gefestigt wird, der keine eigene Mehrheit mehr hat. Real inhaltlich mitzuarbeiten und dann gemeinsam am Ende auch Reformen zu tragen, dazu wären wir auf jeden Fall bereit.
Ricarda Lang im Gespräch mit den BILD-Reportern Nadja Aswad und Julian Loevenich
Sie sagen, jeder Grüne kann zehn Dinge aufzählen, die Ihre Partei in der Ampel richtig gemacht hat. Was haben die Grünen falsch gemacht?
Wenn die AfD immer im Zentrum der politischen Debatte steht, wenn sich alles um sie dreht, dann ist das oft nachvollziehbar, aber es ist wahnsinnig defensiv. Und ich glaube, in diese Defensive sind auch wir reingerutscht.
Wir erleben eine Vertrauenskrise in das Parteien-System. Und im Moment schaffen es nur die Rechtsextremen, diesen Frust für sich zu mobilisieren.
Wir müssen aus der Defensive raus. Wir müssen Demokratie nicht nur verteidigen, sondern wir müssen auch aufzeigen, wo man sie mit Leben füllen kann.
Das heißt nicht, in falsche Versprechungen zu fallen. Aber definieren zu können, an welchen Stellen mehr drin ist, dazu muss Politik bereit sein.
Das haben auch wir in den letzten Jahren zu wenig hinbekommen. Und warum sollten Sie es jetzt plötzlich hinbekommen?
Was ist mit dem Umgang Ihrer Partei mit dem Thema Migration? Welchen Anteil haben die Grünen am Erstarken der AfD?
Die Grundthese, dass zu viel Migration zum Aufstieg der AfD geführt hätte und eine härtere Migrationspolitik die AfD wieder klein bekommen würde, ist an der Realität gescheitert. Wir haben seit drei Jahren zurückgehende Zahlen.
Die AfD hat sich in dieser Zeit nicht nur nicht halbiert. Im Gegenteil, sie hat sich deutlich verstärkt innerhalb dieser Jahre.
Und trotzdem glaube ich, dass wir eine Sache gemacht haben: Und das war, dass bei Migration – die einen reden nur noch darüber, wer kommt und wer möglichst schnell wieder gehen soll, und die anderen reden deshalb nicht über das Thema, weil es eine Sorge gibt, den Falschen in die Hände zu spielen – haben auch wir das Thema Integration viel zu sehr liegen gelassen. Im BILD-Interview gesteht Lang auch Fehler der Grünen im Umgang mit der AfD ein
Spitzengrüne werben gerade massiv für sich selbst als Normalos.
Wie finden Sie das? Man muss im besten Fall gar nicht dafür werben, dass man normal ist.
Man ist es einfach. Wir müssen gar nicht immer sagen, dass wir nah bei den Leuten sind, sondern es einfach sein.
Wenn ich noch zehn Bilder mache von mir mit Helm in der Fabrik, wird dadurch niemand denken, dass ich Fabrikarbeiterin bin. Wenn ich noch zehn Bilder mache, wie ich Kühe streichle, wird auch niemand denken, dass ich Bäuerin bin.
Es geht um Authentizität. Haben Sie eine Meinung zu diesem Artikel?
Hier können Sie uns schreiben.Haben Sie Fehler entdeckt? Dann weisen Sie uns gern darauf hin.
