Wolfgang Ischinger erinnert sich an den Terror: „Ich sah durch mein Fenster einen schwarzen Rauchpilz aufsteigen“ Der 11. September 2001 war sein erster Arbeitstag in Amerika Am 11.

September 2001 steuerten islamistische Terroristen zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers – es war der größte Terroranschlag der Geschichte

Berlin – Bis heute können viele Deutsche genau sagen, wo sie waren und was sie taten, als sie am 11. September 2001 die Bilder der brennenden Türme in New York sahen.

Doch kaum ein Deutscher war – geografisch und politisch – so nah dran wie Wolfgang Ischinger. Der Tag des größten Terroranschlags der Geschichte war sein erster Arbeitstag als neuer deutscher Botschafter in Washington D.C.

Im ZEITREISE-Podcast des BILD-Reporters Filipp Piatov erzählt Ischinger seine Geschichte des 11. September: Er erinnert sich an Krisentelefonate mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer, Gespräche mit US-Präsident George W.

Bush und daran, wie der Krieg gegen den Terror den USA zum Verhängnis wurde. Bereits im Sommer 2001 war Ischinger nach Washington gereist, um sich auf den wichtigsten Botschafter-Job vorzubereiten, den die deutsche Regierung zu vergeben hatte.

„In Amerika herrschte das Gefühl: Wir sind unangefochten die Nummer 1.“ Außenpolitik-Experten und Regierungsvertreter sagten zu ihm: „Wolfgang, we decide what’s gonna happen.“ (Wir entscheiden, was passiert.)

Der Zusammenbruch der Sowjetunion lag erst zehn Jahre zurück, China war noch ein Entwicklungsland – und die Vereinigten Staaten von Amerika waren mit großem Abstand das mächtigste und reichste Land der Welt. Diplomaten-Legende Wolfgang Ischinger: Zwischen 2001 und 2006 war er deutscher Botschafter in den USA, später leitete er die renommierte Münchner Sicherheitskonferenz

Dann kam der 11.

September 2001. Ischinger fuhr besonders früh in die Botschaft und bereitete sich auf seinen ersten Arbeitstag vor.

Seine Mitarbeiter stellten sich vor und führten ihn herum, man besprach die bevorstehenden „Höflichkeitstermine“, die ein neuer Botschafter an einem normalen Tag zu absolvieren hätte. „Um neun Uhr Ortszeit war ich gerade dabei, die ersten Unterlagen zu lesen, da rannte mein neuer persönlicher Referent rein und schrie: ‚Herr Botschafter, machen Sie Ihren Fernseher an!

Da ist in New York was passiert!‘“ Ischinger sah den ersten Turm des World Trade Centers brennen, dann das zweite Flugzeug, wie es in den anderen Turm flog. „Ich sah durch mein Bürofenster einen schwarzen Rauchpilz aufsteigen“

Ihm sei nicht sofort klar gewesen, sagt Wolfgang Ischinger, dass dies ein terroristischer Anschlag sein muss.

Erst das, was danach passierte, brachte ihm Gewissheit. „Ich sah durch mein Bürofenster einen schwarzen Rauchpilz aufsteigen“, erinnert sich der damalige deutsche Botschafter.

„Und ich sagte: Wo ist denn das? Da brennt ja irgendwas.

Da ist ja so eine Rauchwolke, die wird immer größer. Und irgendeiner, der sich gut auskannte, der sagte: Das ist in der Richtung des Pentagon.“

Die islamistischen Terroristen hatten ein drittes Flugzeug in das Gebäude des US-Verteidigungsministeriums gesteuert; sie ermordeten damit alle 64 Passagiere sowie 125 Menschen im Pentagon.

Dann war auch Ischinger klar, dass es sich um einen gewaltigen Angriff auf amerikanischem Festland handelte. Was tut ein Spitzendiplomat in so einer Situation?

Er setzte sich in den Dienstwagen und ließ sich zum Pentagon fahren. „Wir sind von einer Polizeisperre gestoppt worden, als ich noch ungefähr so 300 bis 400 Meter entfernt war“, so Ischinger.

Was er dort sah und spürte, wird er nie vergessen: „Mein Fahrer sagte, wir müssen jetzt umkehren, nicht nur, weil da die Polizei anfing, aufgeregt zu werden – sondern weil es auch 300 Meter entfernt so heiß war, dass der Fahrer Angst hatte um sein Auto, und seinen Lack und den Benzintank. Es war unerträglich heiß.

Das Kerosin und alles andere, was da brannte (...), war von einer unglaublichen Zerstörungskraft.“

Am 11. September ermordeten islamistische Terroristen im Auftrag von Osama bin Laden 2996 Menschen, verwundeten weitere 6000 – und stürzten die Welt in eine Reihe von Kriegen und Konflikten, die bis heute andauern.

Für Ischinger damals die wichtigste Frage: Welche Rolle würde Deutschland spielen? „Da rief der Bundeskanzler höchstpersönlich an“

Der von Rechts- und Linksaußen verbreiteten Theorie, die USA hätten nach den Anschlägen ihre westlichen Partner in Kriege verwickelt, widerspricht Ischinger entschlossen: „Es war eben nicht so, dass Amerika am Tag nach 9/11 seine Verbündeten (...) zusammenrief und sagte: Jetzt brauchen wir eure Hilfe.“ Die USA wollten sich selbst um die Terroristen in Afghanistan kümmern.

„Die Idee, dass wir, die europäischen Nato-Partner, gemeinsam mit Kanada, uns solidarisch erklären und Beistand leisten wollten, kam gar nicht von Amerika selbst, sie kam von uns. Die kam aus Europa.“

Der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder setzte sogar seine Kanzlerschaft aufs Spiel und verband den Afghanistan-Einsatz mit einer Vertrauensfrage im Bundestag, die er nur knapp für sich entschied.

Ischinger erinnert sich, wie nach der überstandenen Abstimmung sein Telefon klingelte: „Da rief der Bundeskanzler höchstpersönlich an und sagte: ‚Ischinger, sind Sie der Meinung, dass die im Weißen Haus mitgekriegt haben, was ich gerade gemacht habe? Wenn die zwei Stimmen nicht in die andere Richtung gingen, dann wäre ich jetzt meinen Job los.‘“ Ischinger versprach, das dem Weißen Haus klarzumachen – mit Erfolg.

„Da zog mich Bush in eine Ecke und sagte: ‚Kann ich dem Schröder vertrauen?‘“

Auch mit Präsident Bush hatte Ischinger nach dem 11. September besondere Begegnungen und erinnert sich an dessen „entwaffnende“, wenn auch unkonventionelle Art: „Einmal war ich bei einer Veranstaltung im Weißen Haus eingeladen, mit vielen anderen Leuten.

Da zog er mich, als er mich da sah, in eine Ecke und sagte (...): ,Sagen Sie mal, kann ich dem Schröder vertrauen?‘“ Ischinger riet dem amerikanischen Präsidenten, dass er Schröder vertrauen könne und müsse. Ischinger hat persönliche Erinnerungen an US-Präsident George W.

Bush: „Ich glaube, dass er es nicht verdient, so negativ gesehen zu werden“

Über Bush sagt Ischinger: „Ich glaube, dass er es nicht verdient, so negativ gesehen zu werden, wie das häufig auch in den Darlegungen bei uns erscheint. (...) Er hat sich in diesen ersten Tagen und Wochen eigentlich wirklich besonders gut verhalten, weil er versucht hat, Amerika vor einer schockartigen Gegenreaktion oder Kriegsreaktionen zu bewahren.

Der Hauptvorwurf, den man ihm machen muss, den ich auch machen würde, ist, dass er sich in das Abenteuer Irak hat treiben lassen. Das war ja nicht seine Idee, sondern die wurde ihm nahegebracht aus seinem Beraterkreis.“

Für die Amerikaner sei klar gewesen, dass sie überwältigende Stärke zeigen mussten.

„Wir dürfen auf diesen Vorgang nicht mit Schwäche reagieren. Sonst wird es nur noch schlimmer“, erinnert sich Ischinger an die Denkweise amerikanischer Entscheidungsträger.

„Wir mussten ein Zeichen setzen, dass das nicht geht und dass es ausgemerzt wird. Das waren wir unserer Weltmachtrolle schuldig.“

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