Kolumne: Geht das nur mir so?: Deutschland ist besser, als uns gerade eingeredet wird Straßenszene in Berlin-Charlottenburg: Es kommt nicht von ungefähr, dass so viele EU-Bürger zum Leben und Arbeiten nach Deutschland kommen Die Sommerferien sind zu Ende. Jetzt sind auch die Bayern wieder da.
Viele Urlauber sind mit sonnenverbrannten Nasen und einem Anflug von Neid nach Hause gekommen. Motto: Anderswo – sprich im Ausland – scheint alles besser zu funktionieren.
Meine Meinung: Anderswo ist vieles anders, aber längst nicht alles besser. Keine Sorge.
Hier kommt jetzt keine Kolumne, in der die Probleme unseres Landes mit einem freundlichen „Uns geht es doch gut“ weggewischt werden. Definitiv nicht!
Ja, Deutschland hat Probleme. Und zwar große.
Ich weiß, was hier nicht funktioniert: Unsere Züge kommen zu spät. Unsere Brücken sind marode.
Unsere Verwaltung liebt das Faxgerät. Wir regulieren und prüfen so lange, bis irgendwann keiner mehr weiß, was eigentlich überhaupt das Ziel war.
Wir sind zu langsam geworden. Zu kompliziert.
Zu satt. Wer noch glaubt, Wohlstand sei ein deutsches Naturgesetz, irrt gewaltig.
Und hat die letzten Jahre anscheinend nicht aufgepasst. Wir müssen den Hebel umlegen.
Dringend. Aber etwas anderes nervt mich inzwischen genauso: dieses permanente Gerede, Deutschland sei quasi unbewohnbar geworden.
Ist es nicht. Wer viel reist, sieht nicht nur, was andere besser machen, sondern auch, was bei uns ziemlich gut funktioniert.
Denn Reisen erweitert nicht nur den Horizont. Es relativiert auch das Gemecker (bei mir zumindest).
Wenn man unterwegs ist, erkennt man wieder, was zu Hause selbstverständlich ist: dass nachts ein Krankenwagen kommt, Wasser aus dem Hahn trinkbar ist, Stromausfälle eher selten sind, jeder seine Meinung sagen kann und ein Streit mit Behörden äußerst nervig, aber nicht gleich existenziell ist. Zugegeben, Spanien hat mehr Leichtigkeit.
Die USA haben mehr Nationalstolz und die Griechen eine Gastfreundschaft, von der wir lernen können. Anderswo fahren Züge pünktlicher, Behörden sind digitaler, Unternehmen schneller gegründet und die Steuern niedriger.
Es gibt vieles, was andere besser können als wir. Großartig.
Bitte kopieren! Aber zum Gesamtbild gehören eben auch ordentliche Löhne, soziale Absicherung, Gesundheitsversorgung und Chancen für die eigenen Kinder.
Und dann sieht die Sache plötzlich anders aus. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass so viele EU-Bürger zum Leben und Arbeiten nach Deutschland drängen.
Nach Reisen (beruflich und privat) in fast 100 Länder auf allen Kontinenten kann ich jedenfalls sagen: Ich lebe ziemlich gern in Deutschland. Nicht, weil hier alles gut wäre.
Davon sind wir weit entfernt. Der Vorsprung, von dem wir lange gelebt haben, schmilzt.
Wenn wir jetzt nicht modernisieren und reformieren – und zwar deutlich schneller, als wir es derzeit tun –, wird Deutschland tatsächlich zurückfallen. Aber wir werden unser Land nicht verbessern, indem wir die Lage permanent für hoffnungslos erklären.
Die Untergangsstimmung bringt uns nicht weiter. Haben Sie es gemerkt?
Auch nach der Wahl in Sachsen-Anhalt dreht sich die Erde weiter. Und das wird sie auch nach den Wahlen nächsten Sonntag in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern tun.
Heiligabend ist wieder am 24. 12., und Geschenke gibt’s dann für die meisten auch.
Also Schluss mit dem Schlechtreden (aber auch mit dem Schönreden!). Deutschland muss besser werden.
Aber Deutschland ist besser, als es uns gerade eingeredet wird. Haben Sie eine Meinung zu diesem Artikel?
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