Mail von Martenstein: Lieber Bundeskanzler Ludwig Erhard, Harald Martenstein (72) schreibt die tägliche Kolumne in BILD. Erinnern Sie sich?

Ich war dieser junge Lokalreporter mit der runden Brille. 1972?

CDU-Parteitag in Wiesbaden? Klingelt da nichts?

Ich wollte Sie interviewen. Ich denke zurzeit manchmal an Sie.

Auch Ihr Vorgänger, Adenauer, mochte Sie nicht. Sie waren kein Kanzlermaterial in seinen Augen.

Er sagte, dass Sie „unbedachte Reden“ schwingen, heute so, morgen so. Der Alte hat ihnen das Regieren zusätzlich schwer gemacht.

Sie ließen sich übern Tisch ziehen, von den Amis zum Beispiel. Sie galten als dünnhäutig und selbstmitleidig.

Ihr Berater Johannes Gross nannte Sie „beinahe kommunikationsunfähig“. Ihre Autorität in der CDU ging den Bach runter.

Desaströse Landtagswahlergebnisse! In NRW nur 43 Prozent für die CDU, ein Verlust von fast 4 Prozent.

Die Fraktion hat Sie zum Rücktritt, na ja, überredet. Drei Jahre im Amt waren es.

Zum Abschied hielten Sie eine Fernsehrede. Sie sagten: „Die deutschen Interessen erfolgreich zu wahren, verlangt in erster Linie Stehvermögen.“ Das stimmt.

In zweiter Linie braucht man Sitzfleisch. Den Ehrentitel „Vater des Wirtschaftswunders“ konnte Ihnen keiner nehmen.

Als ich Sie um das Interview bat, gaben Sie mir die Hand und sagten: „Jetzt nicht, junger Mann. Später vielleicht.“ Ich werde darauf zurückkommen, wenn wir uns alle im Jenseits treffen.

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