Ralf Richter war mehr als der Vorzeige-Prolet: So einer wie der wird heute gar nicht mehr gebaut Nachruf auf einen der geilsten Typen des deutschen Films Auf der Baustelle gibt’s nur einen Chef: Kalle. Erst im Kino und dann später noch in der Serie „Was nicht passt, wird passend gemacht“ sorgte Ralf Richter (†69) für Stimmung Köln (Nordrhein-Westfalen) – Er flog von der Schauspielschule.
Das machte dem jungen Mann aus Essen aber nichts. „Von der Schule fliegen kannte ich schon von früher.“ Fast 200 Filme und Serien-Episoden später ist Ralf Richter tot.
69 ist er geworden. Er hätte einen dreckigen Witz über die Zahl gemacht, wenn er noch könnte.
Der Mann, der alles spielen konnte. Der Vorzeige-Proll auf Röhren-TV und Leinwand.
Große Fresse? Immer!
Ganz viel Herz? Ja, sicha!
So einer wie der wird heute doch gar nicht mehr gebaut. „Die Stimme hat ’ne Stange gekostet“
Ralf Richter (damals 48) bei der Premiere des Films „Goldene Zeiten“ im Jahr 2005 in Bochum.
Ralle – wie immer – im Vollgas-Modus
Die Stimme („Hat mich ’ne Stange Geld gekostet. Zigaretten.
Verstehste?“). Das Gesicht.
(„So seh’ ich halt aus! Kostet dafür nix.“) Diese Mischung aus Wut, Wärme und Wahnsinn.
Ralle Richter konnte einen Ruhrpott-Proleten spielen wie kaum ein anderer. Sein Kalle wurde noch größer als der Film
Wie Kalle Grabowski aus „Bang Boom Bang“ (1999): cholerisch, grob, gefährlich, komisch.
Eine Filmfigur, die längst noch größer geworden ist als der kultige Film selbst. Ein Kerl, bei dem man dachte: Hoffentlich begegnet man dem nie.
Und gleichzeitig: Hoffentlich begegnet man ihm doch. „Watt hat der Typ meine Olle ...“ Ralf Richter schuf in „Bang Boom Bang“ mit der Figur des Kalle Grabowski (hier mit Sabine Kaack, damals 41) eine Rolle für die deutsche Film-Ewigkeit
Für seine beiden Kinder und die sechs Enkel war er vor allem Vater und Opa.
Für Millionen andere war er eine Figur. Ein Stück deutsche Filmgeschichte.
Doch wer Richter nur auf den Proll reduzierte, verstand ihn nicht. Denn hinter der lauten Schnauze steckte ein erstaunlich leiser, wacher und kluger Kopf.
Der gelernte Schreiner (Sohn eines Architekten) konnte über Menschen reden, über soziale Milieus, über Gewalt und das Gefängnis. Knast kannte er auch von innen.
„War aber ein Missverständnis …“
Familienmensch Ralf Richter: Der Schauspieler hinterlässt zwei Kinder und sechs Enkel. Mit seinem Sohn Maxwell (heute 44) wollte er am 16. September eigentlich in Dortmund bei einem Event auftreten
Er gab jeder Rolle etwas Besonderes
Der Mann beobachtete verdammt genau.
Seine Antworten waren oft derber als jede Feuilleton-Kolumne, aber nicht weniger analytisch. Er kannte jeden Politiker und wusste, warum seine Figuren so waren, wie sie waren.
Er kam aus dem Ruhrpott und lebte ihn. Als Bergmann im Klassiker „Superstau“ (1991) raunzte er seinen Filmsohn an: „Sach ma, haste schon die ganze Sonne ausgesoffen?“ (Gemeint war Capri-Sonne, und der Kleine musste pinkeln.)
Als Kalle in „Bang Boom Bang“ träumte er vom fetten Mercedes („IS!
DER! GEIL!“).
In „Das Boot“ (1981) wurde Ralf Richter (unten, links) neben Stars wie Herbert Grönemeyer und Jürgen Prochnow zum Star
In „Das Boot“ ging es um Nasenhaare und Knoten. Alles herrliche Sprüche – alles Kult.
Bis heute. Und irgendwo auch immer mit entwaffnender Ehrlichkeit.
Passend für so viele Lebenssituationen. Vielleicht lag genau darin seine größte Begabung: Richter machte sich über seine Figuren nie wirklich lustig.
Er nahm sie ernst. Den Malocher.
Den Kleinkriminellen. Den Aufschneider.
Den Verlierer. Den Typen, der mit Jogginghose und Bier in der Hand seine ganze Welt verteidigt.
Er kannte diese Menschen nicht nur aus Drehbüchern. Er kannte sie aus dem Pott.
Ralf Richter setzte sich für Bedürftige ein
Geboren in Essen, aufgewachsen in Bochum, Schreiner gelernt, Schauspielschule besucht und ohne Diplom wieder verlassen. Trotzdem Karriere gemacht!
Richter war eben nicht nur der Kerl, der „Hömma!“ sagen konnte. Er blieb dem Boot treu, kam in den letzten Jahren gerne zu Fan-Treffen und plauderte über die Dreharbeiten zum Kultfilm
Er hatte ein Verhältnis zur Sprache.
Zur Literatur. Zum Erzählen.
2018 las er Texte aus Herbert Bergers autobiografischem Ruhrpott-Buch „Der Pütt hat mich ausgespuckt“. Er setzte sich für Alphabetisierungskampagnen und Obdachlose ein.
Vor zwei Jahren feierte Ralf Richter (r.) mit alten Weggefährten aus „Bang Boom Bang“ (u.a. Regisseur Peter Throwarth, l., Martin Semmelrogge, 3.v.l., Christian Kahrmann, 3.v.r.) Silberjubiläum: 25 Jahre lief der Film damals bereits im Kino
Vor zwei Jahren feierte Ralf Richter mit zahlreichen alten Weggefährten noch ein irres Jubiläum.
25 Jahre „Bang Boom Bang“ im Kino. Für seine Fans war er immer da, gab endlos Autogramme.
Er war damals schon nicht mehr ganz fit. Zu BILD sagte er noch: „Hömma, der Motor stottert ein bisschen.
Aber dat is ’n Achtzylinder. Den bring’ ich noch ’n paar Mal durch ’n TÜV.“
Jetzt ballert Ralle mit 240 über die Himmels-Autobahn.
Dat is seine Freiheit. Kultfilm läuft immer noch im Kino – seit 1412 Wochen
Und das bleibt Ralle auch.
Im Bochumer UCI läuft der Film mit ihm als Ganoven ununterbrochen seit dem Start noch immer einmal wöchentlich. Mittlerweile in der 1412. Spielzeitwoche.
Den Langlauf-Weltrekord nimmt ihm auch keiner mehr. Kalle Grabowski bleibt auf der Leinwand unsterblich.
Am Freitag (18. September, 22.45 Uhr) können seine Fans Abschied nehmen. Immer für seine Fans da: Ralf Richter bei der Party vor zwei Jahren zu „25 Jahre Bang Boom Bang“
Vom Typen, der einen Proleten spielen konnte, ohne selbst einer zu sein.
Der derb sein konnte, ohne dumm zu wirken. Der laut werden konnte, aber zuhörte.
Der schon mal nach einem Interview sagte: „Mensch, ich hau’ Dich inne Fresse!“ Und dann lachte: „War nur Spaß. Weißte doch, du Arsch!“
Späßchen mit Heiligenschein: Ralf Richter beim Deutschen Comedypreis 2012
Er spielte den Ruhrpott nicht.
Er trug ihn in sich. Seine verqualmte Stimme wird bleiben.
In den Köpfen, in unseren Lieblingsfilmen – und irgendwo da draußen zwischen Currywurstbude, altem Zechengelände und Büdchen. Mach’s gut, Ralf.
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