BILD-Reporter Sebastian Kayser: Mein Jahr mit Zverev Alexander Zverev (29) mit dem Pokal für seinen French-Open-Sieg Als Alexander Zverev (29) nach seinem Halbfinal-Aus bei den Australian Open im Januar gegen Carlos Alcaraz (23) nach seinen Medienterminen im Melbourne Park Richtung Fahrtstuhl zu den Katakomben geht, kriecht er mehr, als dass er läuft. Im Fahrstuhl angekommen, lehnt er sich mit dem Hintern an die Wand, fällt nach vorn über und stützt sich mit seinen Händen auf den Knien ab.
Man sieht: Der Mann ist körperlich völlig am Ende. Da war nicht ansatzweise zu erahnen, was siebeneinhalb Monate später alles passiert ist.
Bei den French Open der erste Grand-Slam-Titel, in Wimbledon im Finale, wo er zuvor über das Achtelfinale nie hinausgekommen war. Am Sonntag (20 Uhr MESZ, sporteurope.tv und Sky live) steht der Hamburger nun im Endspiel der US Open gegen den Amerikaner Ben Shelton (23).
Sein drittes in Serie und das zweite in Flushing Meadows, beides schaffte noch kein männlicher DTB-Profi. Und ich, der BILD-Reporter, werde dabei sein.
Alexander Zverev (r.) musste in Wimbledon Jannik Sinner (25) den Vortritt lassen
Wie das schon seit zehn Jahren. Als einziger deutscher Journalist sah ich alle Grand-Slam-Matches von Zverev in diesem Jahr live im Stadion.
Die 24 Siege, aber auch die zwei Niederlagen gegen Alcaraz in Melbourne und Jannik Sinner (25) im Wimbledon-Finale. Am Freitag war ich auch in New York beim 6:3, 7:6, 7:6 gegen den Russen Karen Khachanov (30) im Halbfinale dabei.
Zwei Tiebreak-Krimis zeugen von Zverevs Nervenstärke. Zverev: „Immer an den Titel geglaubt“
An jenem Tag im Januar hatte Zverev nicht nur verloren, allenthalben kamen Zweifel auf.
Wird er nie ein Major gewinnen? Nun, nach seinem Final-Einzug in New York, sagte er: „Ich habe immer dran geglaubt, dass ich den Grand-Slam-Titel hole.
Ich glaube, die meisten von euch haben das nicht getan“, lachte er. Ich habe an zumindest an einen Titel geglaubt, wenn alle Umstände für ihn zusammenkommen.
Und das kamen sie. Oma Natalia Fateeva (78) neben Freundin Sophia Thomalla (36/r.) in Halle/Westfalen
Da ist zum einen die Umstellung auf sein aggressives Spiel, die fruchtete.
In Paris ging Sinner in der 2. Runde bei an die 40 Grad krachen, Alcaraz fehlte da, wie auch in Wimbledon, wegen einer Handgelenksverletzung.
Beide Male war die Auslosung gut für Zverev, der die Hitze liebt. Dennoch hatte ich Zweifel: Bislang fand bei ähnlich guten Konstellationen der Olympiasieger von 2021 immer jemanden, der ihn noch schlug.
Diesmal nicht. Der ersehnte erste Grand-Slam-Titel war im Sack.
Aus dem Unvollendeten wurde der Vollendete. Bundeskanzler beim Wimbledon-Finale
Drei Tage später sind wir in Herzogenaurach zum Interview verabredet.
Als wir beginnen wollen, ruft der Bundeskanzler an. Friedrich Merz (70) erzählt, wie er das Match sah.
Zverev geht für das Gespräch aus dem Raum, schlendert einen dunklen Gang entlang. Als er nach sechs Minuten zurück ist, ist er sichtlich stolz.
Beim Wimbledon-Finale saß Merz dann tatsächlich in der Royal Box. In Melbourne war Alexander Zverev (l.) nach dem Match gegen Carlos Alcaraz (23) körperlich am Ende
Dass Zverev da verlor – geschenkt.
Nie war er nach einer Niederlage gelöster als diesmal. Als der Spieler-Garten längst abgebaut wird, die Dämmerung über Wimbledon hereingebrochen war, stand er mit Freunden da und lachte, als hätte er grad gewonnen.
„Paris hat alles verändert. Paris gibt mir Ruhe.
Ich habe diesen Titel und den kann mir niemand mehr nehmen“, sagt er. Froh gelaunt sprechen wir auch über Privates.
Tochter Mayla (5) war bei einigen Turnieren mit, versteht sich mit seiner Freundin Sophia Thomalla (36) bestens. Sein Siegerkuss nach dem Doppel in Acapulco mit Mayla war für mich emotionaler als all seine sportlichen Höhepunkte dieses Jahres zusammen.
Eine tolle Vater-Tochter-Beziehung. „Sie ist sehr talentiert.
Sie spielt auch schon ein bisschen, ist Linkshänderin“, erzählte er. Dass dieses Verhältnis stimmt, ist für ihn verdammt wichtig.
Wie auch, das Oma Natalia (78) im Frühjahr bis zum Turnier in Halle/Westfalen dabei war. Sie avancierte zur Stimmungskanone in der sonst eher ruhigen Box.
Früher spielte sie selbst Tennis mit den Enkeln. Dass sie dabei war, änderte das ganze Klima im Team.
Alexander Zverev in Acapulco mit Tochter Mayla (5). Und dann ist da noch Dr.
Hans-Wilhelm Müller Wohlfahrt (84). Der Ex-Bayern-Doc ist aus Zverevs Leben nicht mehr wegzudenken.
Zwölf Jahre Profisport hinterlassen ihre Spuren. Im Dezember 2025 ließ er sich angeblich 77 Spritzen geben, die bis April/Mai hielten.
Dann, vor den French Open, der nächste Besuch. Zverev hat seinen Rhythmus gefunden, auf dem Platz und mit seinem Körper.
Dazu zählt auch seine Krankheit. Seit er vier Jahre alt ist, ist Zverev Diabetiker.
Als erster Tennisprofi mit Typ-1-Diabetes wurde er derart erfolgreich: Grand-Slam-Titel, Olympiasieg und zweimal Weltmeister. Was das heißt, sehe ich seit Januar mit anderen Augen, kann es ganz anders einschätzen.
Da bekam ich die Diagnose Typ-2-Diabetes. Und Zverev sowie sein Bruder und Manager Mischa (39) waren diejenigen, die mir wichtige Tipps im Umgang mit der Krankheit geben konnten.
Auch das ist Zverev. In Cincinnati überreichte BILD-Reporter Sebastian Kayser (50/l.) Alexander Zverev den Sport-Bild-Award als „Star des Jahres“
Als Krönung für das beste Jahr seiner Karriere bekam er den Sport-Bild-Award als „Star des Jahres“ verliehen.
Ich überreichte ihm die Trophäe beim Masters in Cincinnati. Dass er die Auszeichnung in New York untermauert, durfte man hoffen.
Nun also steht tatsächlich das Finale an. „Ein Riesenmatch“, sagt Zverev.
„Ich hoffe, ich lasse den amerikanischen Traum nicht wahr werden.“ Es ist ihm zu wünschen. Ich werde dabei sein.
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