Kolumne von Carsten Spengemann: 59 Punkte! Doch der Bears-Hype hat einen Haken Caleb Williams spielte gegen die Carolina Panthers groß auf „Die Bären sind los“ war der Titel einer Fernsehserie rund um ein Kinder-Baseballteam, die in den 1980er-Jahren Woche für Woche die gesamte Familie von Flensburg bis Kempten auf der Couch mitfiebern ließ, ob aus einer jungen und planlosen Mannschaft doch noch ein Titelaspirant werden könnte.

Eine Parallele, die nicht nur aufgrund des Titels aktuell wunderbar zu den Chicago Bears passt. Was haben die Fans des Traditionsteams nicht alles ertragen müssen.

Große Hoffnungen wurden stets nach ein paar Spielen durch Ernüchterung ersetzt. Noch heute bekommen die Anhänger des Teams mit dem „C“ auf dem Helm Bluthochdruck, wenn sie Namen wie Mitch Trubisky oder Chase Claypool hören.

Diese Spieler sagen Ihnen beim Lesen jetzt nichts? Das ist auch kein Wunder.

Denn statt sich mit den Bears zu sportlichen Höhenflügen aufzumachen, führten deren Leistungen eher in Richtung Bedeutungslosigkeit. Quarterback Mitch Trubisky, für den Chicago 2017 sage und schreibe vier Draft-Picks eintauschte, schaffte es zwar 2020, das Team nach einem Jahrzehnt Wartezeit mal wieder zu einem Divisionssieg zu führen.

Doch seine inkonstanten Leistungen bedeuteten das Ende seiner Karriere in Chicago. Aktuell verdient der 32-Jährige seine Brötchen auf der Ersatzbank der Tennessee Titans.

Dann kam im Jahr 2021 der erneute Versuch der Bears, im Draft endlich den richtigen Spielmacher für eine glorreiche Zukunft zu finden. Diesmal hieß der potenzielle Heilsbringer Justin Fields.

Aber auch er kam nicht, um zu bleiben, sondern wurde nach gerade einmal zwei durchwachsenen Jahren an die Pittsburgh Steelers abgegeben. Es wirkte so, als hätte Chicago einfach kein gutes Näschen für Quarterbacks.

Daher war der Druck der Fans 2024 auch richtig groß, als sich die Bears im Draft mit dem kostbaren ersten Pick für Caleb Williams entschieden. Williams’ Talent, Spielzüge durch Improvisation zu verlängern und mit seinem starken Arm den Ball tief zu seinen Receivern zu werfen, hatte er im College Woche für Woche gezeigt.

Aber würde er endlich derjenige sein, bei dem der Übergang dieses Talents auch in die NFL gelingen würde? Daher stand jede Bewegung von Williams auf und neben dem Feld regelrecht unter dem Mikroskop.

Eine Drucksituation, die für den jungen Quarterback alles andere als leicht war. Was ihm aber nicht nur in die Karten spielte, sondern auch den Unterschied zu seinen Vorgängern ausmachte, war die Tatsache, dass die Bears zu dieser Saison auch einen neuen jungen Head Coach an Bord geholt hatten.

Und das war nicht irgendwer. Ben Johnson wurde vom Rivalen Detroit Lions abgeworben.

Sein Markenzeichen dort war es, eine Offensive zusammenzustellen, die nicht nur imstande war, den Ball schnell zu bewegen, sondern den Fans auch noch jede Menge Spaß machte. Der Plan ging für die Bears auf.

Die Kombination Williams/Johnson führte das Team nicht nur wieder einmal in die Playoffs, sondern sogar bis in die zweite Runde der K.o.-Phase. Dort waren die Los Angeles Rams zwar der finale Stolperstein, doch Williams schaffte es, sich gleich in seinem Premierenjahr bei den Profis in die Geschichtsbücher einzutragen.

Grund dafür war, dass er den in den 1990er-Jahren aufgestellten Franchise-Rekord von Erik Kramer für die meisten erworfenen Yards übertraf. Die Erwartung an die Bears und ihre Offense war also vor Beginn der Saison mehr als hoch.

Die Vorschusslorbeeren scheinen nach dem ersten Spieltag am vergangenen Wochenende auch mehr als verdient gewesen zu sein. Denn: Die Bears schenkten ihrem Gegner aus Carolina sage und schreibe 59 Punkte ein.

Sowohl das Laufspiel rund um D’Andre Swift, der selbst dreimal in die Endzone kam, als auch das Passspiel waren atemberaubend. Mit dem Motto „No Block, No Rock“ oder frei nach den drei Musketieren „Einer für alle, alle für einen“ zeigte jeder Bears-Spieler, dass er bis an die körperliche Grenze und noch ein bisschen darüber hinaus bereit war, die Wege für den jeweils balltragenden Teamkollegen freizumachen.

Eine Spielweise, die mich auf meiner heimischen Couch mehr als beeindruckte. Jetzt kommt aber das berühmte „Aber“:

Die Carolina Panthers schafften es ihrerseits, den Ball für 478 Yards zu bewegen.

Dabei erreichten sie 24-mal einen neuen First Down. Chicagos Defense ließ am Ende 37 Punkte zu.

Zu viel, wenn man die Qualität des Gegners betrachtet. Sollte sich die Bears-Defense um Thienemann und Sweat jetzt im Divisionsduell gegen die Minnesota Vikings nicht gewaltig steigern, wird es schwer, sich nur auf Caleb Williams und die Spielweise „Tief werfen heißt hoch gewinnen“ zu verlassen.

Mit der Verteidigung der Vikings kommt ein echter Prüfstein auf die Bears zu. Die Defense der Wikinger trug zum Saisonauftakt gegen die Packers einen erheblichen Teil dazu bei, dass Minnesota das Spiel nicht nur drehen konnte, sondern am Ende einen souveränen Sieg einfuhr.

Es ist genau diese aktuell fehlende Qualität der Bears-Defense, die mich momentan noch nicht in den Chor der Jubelgesänge aller Chicago-Fans einstimmen lässt. Die DNA von Bears Football bestand immer aus hartem Defense Football.

„Monsters of the Midway“ war nicht nur ein Spitzname. Es war damals ein regelrechter Ritterschlag im NFL-Kosmos.

Der einzige Super-Bowl-Sieg der Bears wurde damals auch wegen ihrer Defense gewonnen und nicht wegen ihres Quarterbacks Jim McMahon. Überspitzt könnte man sogar sagen: trotz der Tatsache, dass McMahon auf dem Feld stand.

Aber das würde jetzt zu weit führen. Wie gut die Defense der Bears damals war und wie sicher sich Chicago seines Titels war, zeigte sich daran, dass das Team bereits sieben Wochen vor dem Endspiel seinen Super-Bowl-Song aufnahm.

Das ist inzwischen mehr als 40 Jahre her. Aber auch in der jüngeren Vergangenheit gab es immer wieder Spieler im Bears-Trikot, die gegnerischen Quarterbacks Albträume bescherten.

Ob die Bears den nächsten Schritt gehen können und das Ziel Super Bowl im Februar 2027 in Reichweite bleibt, steht und fällt mit der Arbeit von Defensive Coordinator Dennis Allen. Schafft er es wie im vergangenen Jahr, als die Bears die Liga bei den Ballgewinnen anführten, seine Einheit Woche für Woche so auf die jeweiligen Gegner einzustellen, dass das System und nicht einzelne Spieler den Unterschied machen, dann kann der „Super Bowl Shuffle 2.0“ gelingen.

Andernfalls wird im Januar eher ein trauriger Schlussakkord in Moll erklingen. Mehr NFL gibt es im Podcast.

Jeden Montag und Freitag nehme ich hier mit meinem Kollegen Maurice Stolka alles unter die Lupe, was rund um den Spieltag Thema ist. Von der Analyse der einzelnen Partien bis hin zu den neuesten News ist immer alles dabei, was das Football-Fanherz begehrt.

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