„Gastarbeiter haben uns stärker gemacht“: Warum Wüst die deutschen Türken feiert ... und wie er sich damit auch vom Kanzler absetzt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst im Gespräch mit Sabri Aydin, der vor 65 Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei kam Düsseldorf – In Berlin tobt die Debatte um den wackelnden Kanzler, in Düsseldorf feiert sein möglicher Nachfolger öffentlichkeitswirksam das große Jubiläum der Gastarbeiter in Deutschland.
Auffällig oft engagiert sich der NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (51) für deutsch-türkische Themen. Damit zeigt er nicht nur Beispiele für gelungene Integration – der CDU-Spitzenpolitiker erweitert so auch seine Machtoptionen.
Anlass für den großen Auftritt von Wüst ist der Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei, mit dem in der Nachkriegszeit dringend benötigte Arbeitskräfte für Bergbau und Industrie in die noch junge Bundesrepublik geholt wurden. Am Düsseldorfer Flughafen trifft er sich mit rund 250 Nachfahren der ersten 55 Gastarbeiter, die dort vor 65 Jahren aus der Türkei ankamen.
Wüst: „Gastarbeiter haben uns stärker gemacht“
„Die Kinder und Enkelkinder der damaligen Gastarbeiter sind heute Lehrerinnen, Polizisten, Unternehmer, Vereinsvorsitzende“, sagt Wüst. Ihr Beitrag sei „Teil der Geschichte unseres Landes.
Sie haben unser Land vielfältiger, offener und stärker gemacht.“ Trotzdem hätten viele noch „das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören“. Das müsse sich ändern, mahnte Wüst: „Erst wenn der Name, die Hautfarbe und die Religion keine Rolle spielen – dann sind wir am Ziel.“
Da war ich dabei!
Ex-Bergmann Aydin gehörte zu den ersten 55 türkischen Gastarbeitern, die vor 65 Jahren in Düsseldorf landeten
Es ist der bisherige Höhepunkt einer ganzen Reihe von Auftritten bei der deutsch-türkischen Community. Zuvor hatte Wüst etwa den türkischen Superstar Tarkan (53, „Şikidim“) bei seinem Konzert in Dortmund besucht, mit TV-Koch Nelson Müller (47) brutzelte er bei der „Woche der türkischen Küche“.
Im Mai traf sich Wüst mit dem türkischen Außenminister Hakan Fidan (58) in Berlin. Für den Herbst ist noch eine Delegationsreise des NRW-Chefs in die Türkei geplant.
„Es ist nicht zu übersehen, dass sich Wüst öfter als andere Spitzenpolitiker mit Türkei-bezogenen Themen positioniert“, sagt Politik-Professor Oliver Lembcke (57, Ruhr-Uni Bochum). „Und das macht er nicht nur wegen der Landtagswahl in NRW.
Er hält sich damit weitere Machtoptionen offen.“
Deutsch-Türken sind ein Machtfaktor
Gerade in den NRW-Großstädten von Duisburg bis Köln sind die Deutsch-Türken ein Machtfaktor. Nach Angaben der Landesregierung haben rund 1 Million Einwohner einen türkischen Hintergrund.
Dazu hatte die noch unter der Ampel-Regierung eingeführte Staatsbürgerschaftsreform zu einem deutlichen Anstieg der Einbürgerungen von Türken geführt, die damit auch wahlberechtigt sind. Knapp 17.000 waren es 2025 allein in NRW.
Jede Stimme zählt: Bei der Wahl im Frühjahr muss Hendrik Wüst einen deutlichen Sieg einfahren, um sich als möglicher Merz-Nachfolger zu empfehlen. Hendrik Wüst knipst ein Selfie mit Popstar Tarkan, selbst als Sohn türkischer Gastarbeiter in Deutschland geboren
Lange wählten türkischstämmige Deutsche traditionell vor allem die SPD – „das hat sich aus denselben Gründen geändert, weshalb die SPD auch insgesamt Wähler verliert“, sagt Lembcke.
„Sie ist gerade den gut integrierten Deutsch-Türken in weiten Teilen zu links und zu ,woke‘ geworden. In genau diese Lücke kann Wüst und mit ihm die CDU jetzt stoßen.“ Wüst könne über NRW hinaus eine ganze Bevölkerungsgruppe erreichen, „die für Gesellschaft, Wirtschaft und in manchen Regionen auch für Wahlergebnisse wichtig ist.“
Wüst bei der „Woche der türkischen Küche“ mit Tiktok-Koch Ferdi Ünlü und Comedienne Meltem Kaptan
Gleichzeitig mache sich Wüst damit auch für „linke“ CDU-Anhänger und Großstadtmilieus weiter wählbar.
Einen Satz über „kleine Paschas“ wie von Friedrich Merz (70, CDU) wird man von Wüst nie hören. „Er bietet einen Gegenentwurf zu der von Merz verstolperten ‚Stadtbild-Debatte’ und stellt sich deutlich gegen fremdenfeindliche Tendenzen bei der AfD“, sagt Lembcke.
Hinzu kommen Wüsts Ausflüge aufs internationale Parkett – „so kann er zeigen, dass er auch die Außenpolitik beherrschen würde und mit dem wichtigen NATO-Land Türkei gut klarkommt.“
Der Politikwissenschaftler sieht bei Wüsts ein klares Kalkül: „Wenn er Kanzler werden will, muss er mehr sein als der ‚bessere Merz‘. Er muss einen Gegenentwurf anbieten und Wähler auch links der Mitte ansprechen.“ Sein Engagement für die Türken in Deutschland sei dabei „äußerst hilfreich“.
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