Kommentar von Telegraph-Reporter Matt Law: Tuchel klingt einstudiert und realitätsfern! Thomas Tuchel bei seiner Pressekonferenz am Freitag im Wembley Stadium Dann müssen wir alle in den vergangenen zwei Monaten wohl ausgerechnet mit den 0,1 Prozent der England-Fans gesprochen haben, von denen Thomas Tuchel spricht.
Denn in Tuchels Welt wollen 99,9 Prozent der England-Fans nur über die schönen Momente sprechen: den Sieg gegen Mexiko, die starke zweite Halbzeit gegen Kroatien oder sogar das nervenaufreibende Comeback gegen die Demokratische Republik Kongo. Die letzten 30 Minuten gegen Argentinien dagegen, als England den Einzug ins WM-Finale noch aus der Hand gab?
Dieses Thema interessiert laut Tuchel offenbar nur 0,1 Prozent der Fans. Dann muss die Lehrerin an der früheren Grundschule meines Sohnes tatsächlich zu einer verschwindend kleinen Minderheit gehören.
Nur eine Woche nach dem Argentinien-Spiel traf ich sie zufällig auf einem Feld in Suffolk beim Latitude Festival. Nachdem sie meinem Sohn alles Gute für den Start auf der weiterführenden Schule gewünscht hatte, wollte sie vor allem über eine Sache sprechen: Wie konnte Tuchel nach dem Zusammenbruch gegen Argentinien eigentlich seinen Job behalten?
Und ich ertappte mich dabei, ihn zu verteidigen. Vielleicht lag es am Jetlag.
Genauso war es bei der Gruppe von Freunden, mit denen ich dort unterwegs war. Zwischen Musik, Konzerten und Festival-Bier drehten sich die Gespräche immer wieder um dieses Spiel.
Die Fragen blieben nicht an jenem Abend im Aztekenstadion hängen. Die Menschen wollten Erklärungen für Tuchels Taktik.
Niemand sprach mich auf Kroatien oder den Kongo an. Aber wenn man Tuchel glauben darf, rede ich offenbar mit den falschen Leuten.
„Ich sage Ihnen etwas: 99,9 Prozent der Fans sprechen nicht über Auswechslungen oder taktische Anpassungen“, sagte Tuchel. „Sie sprechen darüber, wo sie das Mexiko-Spiel gesehen haben.
Sie sprechen über die zweite Halbzeit, über die Energie im Kroatien-Spiel. Sie sprechen darüber, wie nervenaufreibend das Spiel gegen den Kongo war und wo sie anschließend gefeiert haben.
Genau so sollte es sein. Genau dafür ist eine Weltmeisterschaft da: um Menschen zusammenzubringen und ihnen Erlebnisse zu geben, die sie nie vergessen werden.
Das ist das Feedback, das ich bekomme.“
Warum hatte Tuchel dann offensichtlich einen Witz über seine Auswechslungen gegen Argentinien vorbereitet, wenn darüber angeblich niemand spricht? John McDermott, der technische Direktor des englischen Fußballverbandes, saß bei Tuchels erster Kaderbekanntgabe nach der WM hinten im Raum und lachte mit, als der Nationaltrainer auf Fragen zu seiner Turnier-Analyse antwortete.
„Natürlich wurde ich für meine Auswechslungen kritisiert. Natürlich für die Auswechslungen, die ich vorgenommen habe“, scherzte Tuchel, der mit einigen Notizen in den Presseraum des Wembley-Stadions gekommen war.
Der Spruch sorgte zwar für ein Schmunzeln. Trotzdem wirkte alles einstudiert.
Es fiel auf, dass Tuchel immer wieder auf seine Notizen blickte, während er sprach. Tuchel betrat den Raum der Pressekonferenz mit Notizen
Offensichtlich gab es den Versuch, den Fokus auf die positiven Dinge zu lenken.
Und dabei verwies Tuchel erneut auf jene „Menschen“, als er sogar das Spiel um Platz 3 gegen Frankreich ins Feld führte. „Wenn man sich das 6:4 gegen Frankreich anschaut, sprechen die Menschen darüber, als wäre es eines der schönsten Fußball-Erlebnisse ihres Lebens gewesen“, sagte Tuchel.
„Vielleicht muss ich bei meinem Wunsch nach Kontrolle einen Kompromiss eingehen und etwas mehr Chaos zulassen. Das Chaos annehmen.
Vielleicht bringt genau das das Beste hervor.“
Das Ganze wirkte ziemlich inszeniert und realitätsfern, aber vielleicht hatte Tuchel ein unrealistisches Bild von der Lage, weil er zu viel Zeit mit Führungskräften des englischen Fußballverbandes (FA) verbracht hatte, die ihm – wie sich herausstellte – vor dem Sieg gegen Mexiko versichert hatten, dass sein Job sicher sei. „Vor dem Mexiko-Spiel gab es einen besonderen Moment, in dem wir gesprochen haben“, sagte Tuchel.
„Meine Vorgesetzten sagten mir: ,Wir wissen, dass in einem Fußballspiel alles passieren kann. Wir wissen, dass bei einer Weltmeisterschaft in Mexiko alles passieren kann.
Aber mach dir keine Sorgen. Wir sehen, was hier entsteht, und wir wollen diesen Weg fortsetzen.‘
Für mich als Trainer war das ein wunderschöner Moment.
Ich hatte dadurch die Freiheit, meine Entscheidungen zu treffen und einfach frei zu coachen. Für mich gab es nie einen Zweifel daran, dass wir gemeinsam weitermachen würden.
Und offensichtlich gab es auch auf ihrer Seite nie einen Zweifel. Natürlich gab es kritische Analysen, die hinter verschlossenen Türen bleiben werden.
Ich bin mein größter Kritiker. Selbstreflexion ist manchmal notwendig, um besser zu werden.
Erfahrung ist ein entscheidender Teil des Trainerberufs. Genau an diesem Punkt stehen wir.“
Es klang allerdings nicht so, als hätte Tuchel allzu viel von der Kritik an sich herangelassen.
Viel stärker beeindruckt schien er von den angeblichen 99,9 Prozent der Menschen, von denen sonst offenbar niemand etwas gehört hat, die ihm aber versichert haben sollen, dass eigentlich alles wunderbar gewesen sei. Haben Sie Fehler entdeckt?
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