Heinrich Manns Urenkelin Hannah Mann veröffentlicht Roman-Debüt: „Ich habe die Bücher meines Ur-Großvaters nie gelesen“ Autorin Hannah Mann (46) kommt aus der berühmten Schriftstellerfamilie Mann. Jetzt veröffentlicht sie ihren ersten Roman Berlin – Ihr Ur-Opa war der Schriftsteller Heinrich Mann (1871–1950).
Dessen Bruder Thomas Mann (1875–1955) war einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und wurde mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Ein großes literarisches Erbe.
Und für Hannah Mann lange ein Grund, lieber die Finger vom Schreiben zu lassen. BILD verrät sie, wie es zum Sinneswandel kam.
Gerade erschien ihr erster Roman „Zeppelin und Karpfen“. Geschichten waren in ihrer Familie schon immer allgegenwärtig.
Der Vater Filmregisseur, die Mutter Film-Cutterin. Zu Hause wurde erzählt, improvisiert, beobachtet und weitergesponnen.
„Als Kind war es mir gar nicht so bewusst, dass wir die Nachkommen von so einer wichtigen deutschen Schriftstellerfamilie sind“, sagt Hannah Mann. „Ich war vor allem das Kind von diesen zwei sehr liebevollen und glücklichen Menschen.“
Die kleine Hannah (damals 2) 1982 mit ihrem Vater Jindřich Mann (damals 34) in Berlin
Hannah Mann: „Ich habe alles probiert, um das Schreiben zu vermeiden“
Dass sie selbst einmal Bücher schreiben würde, schien lange unwahrscheinlich.
Hannah Mann studierte Biologie, später Jura. Beides brach sie ab.
Sie arbeitete als Reitlehrerin, im Callcenter, als Werbetexterin, für ein Online-Casino und beriet Start-ups in der Solarenergie-Branche. Rückblickend sagt sie mit einem Lachen: „Ich habe eigentlich alles probiert, um das Schreiben zu vermeiden.“
Die Schriftsteller Heinrich Mann (1871–1950, l.) und sein Bruder Thomas Mann (1875–1955).
Heinrich Mann schrieb u. a.
„Der Untertan“ und war für seine gesellschafts- und politik-kritischen Werke bekannt. Thomas Mann erhielt 1929 den Nobelpreis für Literatur und wurde mit Werken wie „Buddenbrooks“, „Der Zauberberg“ und „Doktor Faustus“ weltberühmt
Dabei verfasste sie schon als Kind Gedichte und Kurzgeschichten.
Doch der berühmte Nachname und die Erwartungshaltung lasteten auf ihr. Mann erklärt: „Irgendwann habe ich verstanden, dass viele denken: Wenn man Mann heißt, sollte man auch schreiben.“ Je bewusster ihr das Erbe der Familie wurde, desto schwerer fiel es ihr, dem eigenen Traum zu folgen.
Während der Pandemie hat sie plötzlich Zeit. Ihr Partner ist in Elternzeit, kümmert sich mit um den gemeinsamen Sohn.
Hannah Mann beginnt zu schreiben. „Wir waren in unserer kleinen Welt“, erinnert sie sich.
Sie kreiert erste Figuren, Dialoge – ihr Roman „Zeppelin und Karpfen“ entsteht. Hannah Manns Debütroman „Zeppelin und Karpfen“ (238 S., 24 Euro, Aufbau Verlag) ist am 12. August erschienen
Das Buch erzählt von drei Frauen-Generationen einer polnischen Exilantenfamilie im West-Berlin der 80er-Jahre.
Es geht um Heimatverlust, das Leben zwischen zwei Welten und die Sehnsucht nach einem Land, das geografisch nah, aber unerreichbar geworden ist. Als Großmutter Nina plötzlich verschwindet, gerät das Familiengefüge ins Wanken, und ein jahrzehntealter Schmerz bricht erneut auf.
Das fertige Buch verändert auch Manns Blick auf die eigene Familiengeschichte: „Es löste einen Knoten“, wie sie sagt. „Ich fühle mich meinem Ur-Opa jetzt näher, aber eher als Mensch denn als Schriftsteller“, verrät sie.
Was überrascht: Die Bücher ihres berühmten Urgroßvaters kennt sie bis heute nicht: „Ich habe Ur-Opas Bücher nie gelesen. Ich glaube, dass ich da erst einen Reifegrad erreichen musste, um das verstehen oder einordnen zu können“, sagt sie.
Bald wolle sie das nachholen. Angst vor Kritik hat sie nicht.
„Ich mag meinen Text. Ich mag mein Buch“, sagt sie selbstsicher.
Auf die Frage, was Heinrich Mann zu ihrem Debüt gesagt hätte, antwortet sie: „Ich hoffe, dass er sagen würde: ,Gut gemacht, Kindchen.‘ So, wie ein Urgroßvater bei der Musikaufführung seiner Urenkelin sitzt und stolz klatscht, auch wenn sie ein bisschen schräg singt.“
Es brauchte erst ihre eigene Geschichte, um sich der Geschichte ihrer Familie anzunähern. Heute läuft Hannah Mann nicht mehr vor ihrem literarischen Erbe davon.
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