Düster-Band Lacrimosa: Deutscher Gothic-Sänger ist der „König von Mexiko“ ► Ihre Texte werden in der Schule behandelt ► Ohne Polizei geht gar nichts ► Jetzt die Heimkehr nach Berlin Tilo Wolff (r.) ist Frontmann und Kopf der Band Lacrimosa In Deutschland wird Tilo Wolff (54), Sänger der Band Lacrimosa, in der Gothic-Szene seit 30 Jahren verehrt. Doch was die wenigsten wissen: In Mexiko ist er ein Megastar.
15.000 Mexikaner singen bei seinen Konzerten seine deutschen Texte. Straßenmusiker spielen seine Songs.
An Schulen wird Lacrimosa im Deutschunterricht eingesetzt. Jetzt kommt Tilo Wolff mit Lacrimosa zurück nach Berlin – für eine ganz besondere Orchestershow.
BILD hat mit ihm gesprochen. „Wir haben monatelang auf diese Berlin-Show hingearbeitet.
Es ist ein riesengroßes Abenteuer, mit einem echten Orchester, einem Chor. Ich freue mich wahnsinnig darauf.“
Zum ersten Mal treten Lacrimosa im legendären Admiralspalast auf.
Das Konzert ist seit einem halben Jahr ausverkauft. Die deutschen Fans wollen nach so vielen Jahren endlich die großen Hits wie „Halt mich“ oder „Schakal“ mit einem echten Orchester hören.
Doch sie werden nicht die ersten sein, denn die Fans in Mexiko hatten bereits das Vergnügen. Mexiko?
Wieso Mexiko? In Mexiko sind Lacrimosa Mega-Stars
Was viele in Deutschland nicht wissen: In Mexiko füllen Lacrimosa riesige Arenen.
Im August spielte die Band zweimal vor mehr als 15.000 Fans in Mexico City. Dort ist Wolff ein Superstar.
Der gebürtige Frankfurter erinnert sich sehr gerne an die Abende in der Mega-Metropole. „Ich stand dort in Mexiko vor Tausenden Menschen und spielte einen Song mit Orchester, den ich mit 17 Jahren geschrieben hatte, als ich mehr oder weniger im Kinderzimmer saß.
Fast 40 Jahre später spielte ich diese Songs mit einem riesigen Orchester. Ich sah die Augen der Menschen, ihr Leuchten.“
An zwei Abenden traten Lacrimosa in Mexico City vor jeweils mehr als 15.000 Fans auf
Ein Gefühl, das er kaum in Worte fassen kann.
„Es ist ein Traum – eigentlich sogar mehr als ein Traum. Davon kann man ja nicht einmal träumen, weil es viel zu groß für einen Traum ist.“
Auch die Dimension der beiden Konzerte musste Wolff erst einmal sacken lassen.
Neben seinem Hotel hing eine große Werbetafel für Jamiroquai (56). Ein Weltstar.
Auch er spielte in der Arena CDMX. Eine Show.
Lacrimosa spielten zwei. „Ich dachte: Das ist schon krass.
Er ist ein internationaler Star, singt auf Englisch, und wir auf Deutsch. Und er spielt nur eine Nacht in der Halle – und wir zwei.“
Dass es einmal so weit kommen würde, war 1998 kaum vorstellbar.
Damals wie heute war Lacrimosa eine unabhängige Band, große Deals mit Plattenfirmen wollte Wolff nicht. Er hatte jedoch früh begonnen, Kontakte zu Musikzeitschriften und Journalisten in anderen Ländern aufzubauen.
Aus Mexiko kam auffallend viel Resonanz. Also beschlossen sie, es zu versuchen.
„Wir sind tatsächlich ins kalte Wasser gesprungen – und haben es einfach probiert.“
Schon das erste Konzert war ausverkauft. Danach ging es immer wieder nach Mexiko.
Die Band und die Veranstalter mussten sich zunächst aneinander gewöhnen, beide Seiten betraten Neuland. „Man hat sich so ein bisschen aneinander herangetastet“, erinnert sich Wolff.
Doch aus dem Abenteuer wurde eine Beziehung, die inzwischen fast drei Jahrzehnte hält. Nach seiner Schätzung hat Lacrimosa mittlerweile mehr als 100 Konzerte in Mexiko gespielt, allein in Mexiko-Stadt rund 50. In keiner Stadt traten Lacrimosa öfter auf.
Die Fans behandeln ihn längst wie einen Einheimischen. Sie rufen mir immer zu: „Tilo, Tilo, du bist ein Mexikaner.“
In Mexiko trat die Band erstmals mit Chor und Orchester auf
Warum ausgerechnet Lacrimosa?
Warum diese deutsche Band, deren Texte von Melancholie, Schmerz, Liebe, Sehnsucht und Tod handeln? „Ich war wahrscheinlich nie so richtig deutsch.
Natürlich stecken viele deutsche Eigenschaften in meiner DNA. Aber diese deutsche Zurückhaltung war immer fremd.
Diese Emotionslosigkeit, die Angst, Emotionen zu zeigen, hab ich nie verstanden. Meine Emotionen lagen schon immer mehr auf der Zunge.
Und das passt natürlich zu Lateinamerika.“
Auch mit dem Tod gehe man in Mexiko anders um. Die eigene Sterblichkeit sei weniger tabu, sagt Wolff.
Auch Trauer und schwierige Lebensphasen würden offener angesprochen. „Man setzt sich mit der Sterblichkeit auseinander.
Es gibt Kulturen, wo man allein auf der Psychiater-Couch darüber redet. Und dort trifft man sich zum Bier und dann wird einfach über alles gequatscht.“ Offenbar auch über die Texte von Lacrimosa.
Lacrimosa-Texte im Deutschunterricht
Denn die Mexikaner singen deutsche Lacrimosa-Texte, obwohl viele von ihnen die Sprache kaum beherrschen. „Die deutsche Sprache hat angefangen, sie zu faszinieren, weil sie fremd ist, aber nicht zu weit weg“, erzählt Wolff.
„Das geht sogar so weit, dass meine Texte sogar an Schulen und Universitäten für den Deutschunterricht verwendet werden.“
Wie schnell die Band zum Kult wurde, erfuhr Wolff schon vor 20 Jahren auf dem Silbermarkt in Mexiko-Stadt. „Wir wurden von den Fans erkannt und standen schnell innerhalb einer riesigen Menschenmenge.
Plötzlich hörte ich zwei deutsche Frauen miteinander reden: ‘Schau mal dort drüben. Was geht denn da?
Das ist wahrscheinlich so ein mexikanischer Superstar.’ Die beiden Touristinnen hielten mich für einen Mexikaner.“
Nicht die einzige absurde Erinnerung. „Eines Abends gingen wir in einen Pizza-Imbiss.
Vor dem Laden spielte ein Straßenmusiker. Und irgendwann spielte er einen Song von uns.
Der Musiker erkannte uns nicht. Er spielte den Song einfach, weil er zu seinem Repertoire gehörte.“
Mittlerweile fast schon Normalität.
„Das ist inzwischen mexikanisches Kulturgut“, sagt Wolff. Lacrimosa laufe dort im Radio und Fernsehen.
„Das wäre in Deutschland undenkbar.“
Mit dem Leben eines mexikanischen Superstars kann Wolff trotzdem wenig anfangen. Nach Mexiko ziehen?
„Auf keinen Fall.“ Er lebt lieber ruhig und anonym in der Schweiz. Bekannt zu werden sei nie sein Ziel gewesen.
„Ich wollte nie bekannt werden. Ich wollte einfach Musik machen.“
Den Star-Rummel nimmt er deshalb als willkommene Abwechslung hin.
„Wenn ich den Star-Rummel, Polizei-Eskorte und so weiter haben möchte, gehe ich auf Tour.“ Ganz ungefährlich war dieses Tourleben allerdings nicht. In Mexiko musste Lacrimosa in der Vergangenheit Konzerte absagen, weil bewaffnete Banden durch die Gegend fuhren.
Einen Club hätten sie beschossen. Der König kommt zurück nach Deutschland
Nach den beiden riesigen Mexiko-Shows steht am Freitag der Admiralspalast in Berlin auf dem Programm.
Die Heimkehr. Die Orchestershow ist eine eigene Produktion, keine Kopie der Konzerte in Mexiko.
Ein anderes Orchester, eine andere Bühne. Die Vorfreude ist groß – auch wenn die Vorbereitungen anstrengend waren.
Am Freitagabend treten Lacrimosa zum ersten Mal im Admiralspalast auf
„Ich wusste zu Beginn nicht, welche Songs wir spielen sollten. Irgendwann dachte ich mir, dass es am besten für alle wäre, wenn ich die Lieder auswähle, die schon auf den Alben mit Orchester aufgenommen wurden.
Ich möchte den Menschen genau das geben, was sie zu Hause hören, wo sie alle ihre Emotionen und Gefühle mit verbinden.“
Und dann wird aus der Berliner Heimkehr eine große mexikanische Nacht. Die Nacht der tanzenden Gothen!
Haben Sie Fehler entdeckt? Möchten Sie etwas kritisieren?
Dann schreiben Sie uns gerne!

